Cover: Aphaia Verlag

Szenen des Alltags, Szenen der Traumwelt

von

Die junge Autorin Lea Schlenker hat ihren ersten Gedichtband vorgelegt. «Eine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten» ist ein Kondensat eines sonnigen Halbjahrs, in dem Erinnerung und Fantasie verschwimmen.

Wenn der Sommer vorbei ist – was bleibt dann von ihm übrig? Wenn die Sonne aufhört, so golden zu strahlen, sich überhaupt immer seltener hinter der Wolkendecke hervorwagt, wenn es am Himmel täglich noch früher dunkel wird, und wenn die Leute wieder in Mänteln und zugeknöpfter durch die Strassen gehen – was dann? Dann geht der Sommer natürlich immer noch ein kleines bisschen weiter, lebt fort in den vielen süssen Erinnerungen, die wir an ihn haben, und die uns desto teurer werden, je länger der finstere und nasskalte Winter dauert.

Eine Sammlung genau solcher Erinnerungen ist der Gedichtband, mit dem die 28-jährige Lea Schlenker ihre erste Buchpublikation vorlegt. Entstanden offenbar auf einer grossen Autoreise, ist «Eine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten» das Kondensat eines sonnigen Halbjahrs, im Prinzip vergleichbar mit den Fotoalben, die unsere Eltern angelegt haben: Die besonders kuriosen, lustigen und schönen Momente werden in einem Band versammelt, der als sorgfältige Collage schon selbst ein kleines Kunstwerk ist. Ob das Leben, das da gezeigt wird, jemals so oder überhaupt irgendwie stattgefunden hat, ist dann höchstens noch eine Nebensache.

Nichts ist von Bestand

Was Beobachtung ist und was Vorstellung, was Erinnerungen und was Erfindung, ist in Schlenkers Texten denn auch nicht immer klar zu unterscheiden. Bericht und Fantasie überblenden sich in einem fort zu einer Art Wachtraum, in dem alles möglich ist, aber meistens nicht viel passiert. Da gibt es zum Beispiel Dinge, an die wir denken können, ohne zu wissen ob sie erlebt oder eingebildet sind. Im Gedicht «Safari» heisst es: «Immer wieder / Denke ich an unsere Safari / Und kann mich nicht erinnern / ob sie stattgefunden hat oder nicht». Dieses Misstrauen gegen das Gedächtnis, aber auch jede andere Form der Welt- und Selbstwahrnehmung geistert immer wieder durch die Texte der Autorin, die Wirtschaftspsychologie studiert und Co-Präsidentin des Verbandes der Schweizer Studierendenschaften (VSS) ist.

Lea Schlenker (Bild: Michael Bolzli)

Das stellt natürlich die Frage, was für ein Ich das ist, das da auf der Grenze zwischen dem Realen und dem Surrealen balanciert. Was ist das für ein Wesen, möchte man ausserdem wissen, das da fragt: «Was bin ich genau / Ein Schmetterling oder ein Mensch?» Wir wissen es nicht. Wir wissen allein, dass hier nichts gesichert, sondern alles höchst unbeständig ist: die Liebe («Es ist nicht so wie beim letzten Mal», nein, es ist im Gegenteil noch schlimmer), das Glück («Ein dummes Wort / Für dumme Menschen») und noch nicht einmal die Literatur («überlege mir Gedichte / Aus aromatischen Duftstoffen»). Bei Lea Schlenker sind die Dinge ungewiss und manchmal auch völlig durcheinander: «Dein Haus steht auf wackeligen Fassaden.»

Sex in der Bordtoilette eines Eisenbahnwagens

In «Eine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten» findet die in Bern lebende Autorin passende Bilder für Szenen des Alltags und der Traumwelt. Ihr Ton ist dabei oft nachdenklich, kippt aber nie ins Kitschige. Gerade wenn die Texte allzu sehr ins Schwärmen kommen, wendet Schlenker sie gern ins Drastische um: Sex in der Bordtoilette eines Eisenbahnwagens wird da gewünscht, der Geruch nach Kotze vermiest eine romantische Begegnung auf einem Riesenrad und ein Feuerwehrmann lässt die Menschen verbrennen, statt sie zu retten. Damit beweist die in Bern lebende Autorin den Humor, den so viele Gedichtbände vermissen lassen: Ihr geht es nicht um die grossen Worte, die so viele in den Mund nehmen zu müssen glauben, die Gedichte schreiben. Schlenker glänzt in den Details, und das zeichnet ihr Bändchen aus.

Lea Schlenker: «Eine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten». Aphaia Verlag, München 2020. 60 S., 12 Euro.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Gehe nach Oben