Trauma im Blut

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Trauma-Folgen sind über Generationen vererbbar. Das hat Auswirkungen auf die Präventionsarbeit.

Traumata haben nicht nur psychische, sondern auch physische Effekte. Vor allem, wenn sie im Kindesalter durchlebt werden. Forschungsergebnisse belegen nun, dass Traumata sich nicht nur negativ auf die Gesundheit von direkt Betroffenen, sondern auch auf deren Nachkommen auswirken können.

Am Institut für Hirnforschung der Uni Zürich und am Institut für Neurowissenschaften der ETH hat Isabelle Mansuy über 20 Jahre lang zur Vererbung von Krankheiten geforscht, die durch Traumata im Kindesalter ausgelöst wurden. Speziell die Auswirkungen von psychischen Belastungen bei Kindern seien wichtig, denn: «Ein junges Individuum reagiert viel empfindlicher auf seine Umwelt, da viele Organe und das Gehirn nicht ganz entwickelt sind. Die Schutzmechanismen sind bei Kindern noch nicht ausreichend vorhanden», so die Professorin für Neuroepigenetik.

Direkte Effekte auf körperliche Gesundheit

Denkt man an die Folgen von Traumata, fällt einem als erstes die Psyche ein. Wenn jedoch Individuen während frühen Entwicklungsphasen viel Stress durchleben, sei jede einzelne Zelle des Körpers betroffen, so Mansuy. So sind auch Organe und  Keimzellen, also Spermazellen und Eizellen, betroffen. «Das heisst, dass der Stoffwechsel, aber auch die Zusammensetzung des Blutes durch Stressfaktoren beeinflusst wird. Das kann Herz-Kreislauf- und Autoimmunerkrankungen sowie Diabetes zur Folge haben.»

Diese gesundheitlichen Beschwerden können über die Epigenetik, also über biologische Faktoren und nicht über die DNA, weiterverbreitet werden. «Das Blut leitet Stressbotschaften an die Keimzellen weiter. Die Vererbungsmechanismen finden dann in erster Linie über diese Zellen statt.» Da sich die direkten Effekte von Traumata auf die kommenden Generationen schwer signifikant an Menschen messen liessen, hätten sie mit Mausmodellen gearbeitet. Als erstes wurden menschliche Traumata eingegrenzt, um anschliessend definieren zu können, was auf Mäuse übertragbar sei. «Wir wollten vor allem Traumata im Kindesalter erforschen, diese beinhalten oft Gewalt, Vernachlässigung und fehlende Fürsorge oder Aufmerksamkeit von Elternteilen», erzählt Mansuy.

Von Mäusen und Menschen

Deshalb hätten sie sich für die Studie auf die Auswirkungen von veränderten Beziehungen zwischen Mäusemüttern und ihren Kindern fokussiert. «Dazu wurden die Mütter zu willkürlichen Zeiten über circa drei Stunden pro Tag von den Mäusekindern getrennt und zusätzlich stressigen Bedingungen ausgesetzt. Bei den Nachfahren der traumatisierten Mäuse wurden ebenfalls veränderte Blut- und Kreislaufwerte festgestellt.» Die emotionale Verarbeitung solcher Erlebnisse sei vergleichbar mit der menschlichen, denn es würden dieselben Prozesse im Körper ablaufen: «Der Hypothalamus im Gehirn wird aktiviert und Stresshormone  im Körper ausgeschüttet.» Dasselbe geschieht bei Kindern, die Traumata erleben.

Weltweit sind rund 25 Prozent der Kinder von Traumata betroffen. Diese Forschungsergebnisse verdeutlichen, wie wichtig Präventionsarbeit in diesen Bereichen ist. «Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Ärzt*innen und Psycholog*innen über diese Zusammenhänge Bescheid wissen. So können die Effekte von Traumata abgeschwächt oder sogar verhindert werden.» Es helfe dabei, die Ursache von Krankheitsentwicklungen besser zu verstehen.

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