Ungewollt radikales Experiment

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Eine Forschungsgruppe der Uni Zürich untersuchte sprachliche Interaktionen. Dann kam Covid-19.

«Im März dieses Jahres ist fast überall auf der Welt ein einzigartiges soziales Grossexperiment angelaufen», so schreibt Heiko Hausendorf in einem noch unveröffentlichten Essay. Eigentlich wollte der Linguist mit seiner Gruppe, dem Postdoc Kenan Hochuli und den Doktorandinnen Johanna Jud und Alexandra Zoller, in einem Forschungsprojekt innerhalb des Forschungsschwerpunkts «Sprache und Raum» der Uni Zürich untersuchen, wie bestimmte räumliche Veränderungen die Interaktion zwischen Menschen mitbeeinflussen, auslösen oder erwartbar machen. Sie untersuchen etwa, wie sich die Verkaufsinteraktion am Bahnhof am geschlossenen Glasticketschalter von derjenigen in den offenen Servicebereichen unterscheidet. Die Analysen von zwei weiteren Settings – der Vorlesung im Hörsaal und dem Gottesdienst im Kirchenraum – sollten zeigen, dass sich die Kommunikation nicht nur beim Fahrkartenverkauf am Schalter gewandelt hat.

Dann kam das Coronavirus und erschwerte die Datenerhebung. Dafür werde ihnen gerade «auf einem Silbertablett präsentiert, was passiert, wenn die auf Anwesenheit und face-to-face-Interaktion beruhende Kommunikation wegfällt», sagt Hausendorf. Vor diesem Hintergrund wurde «eine neue Komponente in das Projekt eingebaut, die so radikal nicht vorgesehen war».

Wenn Anwesenheit irrelevant wird

Damit Covid-19 eingedämmt werden kann, werden «an allen möglichen Stellen schalterähnliche Settings aus dem Boden gestampft und Distanzzonen eingerichtet, um Interaktionen zu erschweren», wie Hausendorf sagt. Das Sozialleben kommt deswegen aber nicht zum Erliegen, denn Kommunikation sei längst nicht mehr auf körperliche Anwesenheit angewiesen, sondern funktioniere «in vielen Bereichen längst besser und immer öfter ohne Interaktion».

Schon vor Corona sei etwa die Anwesenheit der Studis im Hörsaal für Vorlesungen oft nicht mehr zentral gewesen. Durch die Möglichkeit der Übertragung von Vorlesungen und der elektronischen Erreichbarkeit könne Wissen vermittelt werden, ohne dass alle zur gleichen Zeit am selben Ort seien. Zudem werde im Hörsaal mittlerweile über Geräte miteinander kommuniziert, etwa durch elektronische Abstimmungen. «Die Anwesenheit wird durch andere Medien relativiert, ergänzt oder zum Teil ersetzt, und Interaktion beruht zunehmend auf elektronischer Erreichbarkeit», so Hausendorf.

Raum verändert Sprache

Allerdings verändert sich dadurch unsere Sprache. Wie begrüsst man sich über Zoom und wie verhalten sich der Sprecher*innenwechsel oder die Körperhaltung, wenn man sich nur abgeschnitten auf dem Bildschirm sieht? Wie verändern sich etwa Hierarchien zwischen den Interagierenden? «Räumliche Veränderungen, die sich auf die Sprachsituation auswirken, passieren auch durch Ideologien und Interessen», sagt Hausendorf. Die Forschungsgruppe versuche zu rekonstruieren, wie diese zum Ausdruck kämen, verfolge bei der Analyse aber kein wertendes Beobachtungsinteresse.

Dass Interaktion ohne physische Anwesenheit möglich ist, heisst allerdings noch lange nicht, dass diese erstrebenswert ist. Schliesslich ist die einfachste und direkteste, aber auch die schönste Art, uns zu verständigen, nicht, uns durch die Kameralinsen unserer Laptops, sondern in unmittelbarer Nähe zueinander in die Augen zu sehen. Das derzeitige «Grossexperiment» zeigt uns das.

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