Unterhosen als Forschungsinstrument

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Ein Citizen-Science-Projekt untersucht unsere Bodenqualität anhand vergrabener Unterwäsche.

Am 7. April startete eines der bislang grössten bürgerwissenschaftlichen Projekte der Schweiz. Dahinter stehen Forschende von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt, und der Universität Zürich. Ziel ist es, die Bodenqualität in der Schweiz anhand vergrabener Baumwollunterhosen zu erforschen und die Gesundheit des Ackerbodens systematisch zu erfassen. 

Seit jeher sichert ein gesunder, fruchtbarer Ackerboden das Überleben der Menschheit. Er bildet nicht nur die Grundlage für eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion, sondern bietet auch Lebensraum für Millionen Lebewesen. Kleinste Tiere wie Regenwürmer, Asseln und Bakterien fressen und verdauen totes Pflanzenmaterial und produzieren dadurch fruchtbaren Humus. Gleichzeitig versorgt ihr Kot die Pflanzen mit wertvollen Nährstoffen. Je grösser die Biodiversität, desto gesünder der Boden.

Breitflächiges Citizen-Science-Projekt

Auf diesem Tatbestand beruht das Citizen-Science-Projekt «Beweisstück Unterhose» von der Universität Zürich und Agroscope. Jeweils 500 Privatgärtner*innen und Landwirt*innen sollen Bio-Baumwollunterhosen in der Erde einbuddeln und nach zwei Monaten wieder ausgraben. Je nachdem, wie weit die Verrottung fortgeschritten ist, lassen sich Rückschlüsse auf die Menge aktiver Bioorganismen im Boden ziehen. Dadurch können die Teilnehmer*innen die Bodengesundheit ihrer Äcker und Gärten selbst testen und herausfinden, wie gesund ihr Pflanzengut heranwächst.

Auch wenn der Boden einen  wichtigen Forschungsgegenstand darstellt – so richtig wahrgenommen wird der Mikrokosmos unter unseren Füssen nicht. Dabei erfüllt der Boden eine Vielzahl ökologischer und ökonomischer Funktionen, deren gesellschaftliche Bedeutung jedoch nicht unmittelbar fassbar ist. Insbesondere für die Nahrungsmittelproduktion, aber auch als Teil des hiesigen Ökosystems wird der unterirdische Lebensraum kaum wahrgenommen. Dies ist ein Problem – denn durch die fortschreitende Umweltverschmutzung, den Ausbau von Siedlungsflächen und den übermässigen Einsatz von Agrochemikalien schrumpft der Anteil an gesundem Boden rasant. 

Ein internationaler Trend

Neu ist dieser Ansatz nicht. Bereits im Jahr 2019 haben Wissenschaftler*innen in Kanada und den USA unter dem Hashtag #SoilYourUndies Unterhosen vergraben lassen. Der Schweizer Bund ist auf den Zug aufgesprungen und hat am «Tag des unterirdischen Lebens» die Bevölkerung aufgefordert, eigene Baumwollunterhosen zu verscharren. Durch die plakative Aktion im Jahr 2019 konnte laut Agroscope anschaulich vermittelt werden, wie lebhaft es unter uns zugeht, und die Bevölkerung «für einen möglichst rücksichtsvollen Umgang mit dem Boden» sensibilisiert werden. 

Diese Sensibilisierungskraft ist auch im hiesigen Projekt zu spüren. Ende März meldete das Projektteam auf seiner Webseite, dass die geforderte Teilnehmendenzahl «bei weitem» überschritten wurde. Auch wenn in Frage gestellt werden darf, ob das Unterhose-Verbuddeln wissenschaftlichen Standards genügt, so kann durch die grosse Teilnehmendenzahl im Citizen-Science-Projekt in einem kürzeren Zeitrahmen eine weitaus grössere Fläche erschlossen werden, als ein konventionelles Forschungsprojekt es erlaubt hätte.

 

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