Jede Episode von «Darknet Diaries» wird von einem Künstler illustriert. Bild: Darknet Diaries

Von den Abgründen des Internets

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Podcast — Nichts scheint mehr zu interessieren als Morde. Zumindest, wenn man den Podcast- Charts glaubt. Denn Geschichten, die von solchen Gewalttaten handeln, sind dort meist ganz vorne zu finden. «True Crime» nennt sich das Genre und umfasst Erzählungen von wahren Kriminalfällen. Dass dieses Genre weit breiter ist, als die Charts suggerieren, beweist der englischsprachige Podcast «Darknet Diaries», dessen hundertste Folge eben erschienen ist. Denn dieser kommt nicht nur ohne Blut und Leichen aus, sondern widmet sich auch einer schwer fassbaren Nische: der Cyberkriminalität – den «true stories from the dark side of the internet», wie es im Intro des Podcasts heisst.

In jeder der zwei­wö­chent­lich erscheinenden Episoden ergründet der Host Jack Rhysider eine solche Geschichte. Manchmal handeln sie von ganz grossen Fällen, etwa als die USA und Israel einen der bislang ausgeklügeltesten Computerwürmer einsetzten, um das iranische Atomprogramm zu sabotierten (Folge 29: Stuxnet). Oder etwa wenn Rhysider die NSO Group beleuchtet, eine Technologiefirma, die derzeit wegen der Spionagesoftware Pegasus in Verruf steht (Folge 100: NSO).

Doch «Darknet Diaries» glänzt insbesondere bei persönlichen Geschichten. Es sind Geschichten, die den Werdegang Krimineller nachzeichnen – solche, die unschuldig starten und nach einer Reihe kleiner falscher Entscheidungen in immer grössere Ausweglosigkeit gelangen. Ein Beispiel dafür ist Cameron. Der Amerikaner wollte während Schulzeiten an Zigaretten gelangen. Er kaufte sich über das Internet einen gefälschten Ausweis und befand, dass er selbst eine viel bessere Fälschung anfertigen könnte. So beginnt er seine eigenen Fälschungen in Internetforen zu verkaufen. Schritt für Schritt taucht er tiefer in die Szene ein: Erst hilft er anderen dabei, Geld von gestohlenen Kreditkarten zu beziehen, später klaut er die Kreditkartendaten selbst (Folge 85: Cam the Carder).

Rhysider arbeitete jahrelang selbst als Sicherheitsexperte. Dort liegen auch die Ursprünge des Podcasts. Er wünschte sich einen Podcast wie diesen. Da es aber noch keinen solchen gab, erschuf er ihn selbst. Um den Podcast bildete sich eine Fangemeinde, die ihn durch Spenden mitfinanziert. So ist er auch ein Beispiel für die ursprüngliche Besonderheit des Podcast-Formats: Er widmet sich einer thematischen Nische, kommt ohne Medienhaus im Hintergrund aus und wird substantiell von seinen Hörer*innen getragen.

Der Erfolg des Podcasts liegt in Rhysiders Erzählstil. Trotz der teils technischen Materie gelingt es ihm, der Thematik die Komplexität zu nehmen. So spricht der Podcast ein weit breiteres Publikum an, als nur Informatiker*innen. Die Geschichten in «Darknet Diaries» sind keine drögen Abhandlungen, sondern spannungsgeladene Thriller. Rhysiders Moderation verknüpft die Aussagen seiner Interviewpartner*innen – Hacker*innen, Sicherheitsexpert*innen oder Journalist*innen – und fügt sie zu einer konsistenten Erzählung zusammen. Damit ermöglicht «Darknet Diaries » einen Einblick in die verborgene Welt der Cyberkriminalität, Geheimdienste und Sicherheitsindustrie. Das ist nicht weniger spannend als Geschichten über Mordfälle, dafür aber umso lehrreicher – und man traut sich bei Dunkelheit noch aus dem Haus. Doch ebenso beschleicht einen das Gefühl, beobachtet zu werden. Es bleibt das Bedürfnis, sich am liebsten von allen digitalen Geräten zu trennen – oder zumindest mal die Webcam zu verdecken.

«Darknet Diaries» ist über die üblichen Podcast-Streamingdienste zu hören, etwa auf Spotify.

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