Der Werkzeugkasten der Mainstream-Wirtschaftslehre ist begrenzt. (Bild: Sumanie Gächter)

Wachstumskritik aus den eigenen Rängen

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Die Studistimmen für eine bewusstere Ökonomik werden lauter.

In europäischen Universitäten dominiert die neoklassische Ökonomik die Wirtschaftslehre. Abweichende Lehren werden vorwiegend marginalisiert. Joël Bühler, Ökonomikstudent im Master an der Uni Zürich, gibt einen Einblick: «Von den Kern- und auch Wahlmodulen der Wirtschaftswissenschaften sind praktisch alle dem Mainstream zuzurechnen.» Er ist Mitglied des Vereins Plurale Ökonomik Zürich, der sich für eine diversere Theorie- und Methodenlandschaft einsetzt. International existiert die Bewegung Plurale Ökonomik schon seit knapp zwanzig Jahren, unzählige Ableger haben sich gebildet. Nicht zuletzt wegen den Ereignissen von 2008: «Ein Treiber für die Bewegung war sicher die Finanzkrise, nach der sich viele Wirtschaftsstudent*innen gedacht haben: Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was hier passiert ist», erzählt Joël.

Ein dürftiger Werkzeugkasten

Es ist eine Ahnungslosigkeit, die Fragen aufwirft. Und einen kritischen Blick auf die herrschende Lehre provoziert. Die Neoklassik wird nämlich von der Annahme getragen, dass sich Märkte selbst effizient und auf Dauer stabil regulieren können. «Man versucht oft Gleichgewichte zu finden, obwohl viel empirische Evidenz vorliegt, dass Ökonomien sehr dynamische und komplexe Systeme sind», sagt Joël. «Wir stellen uns Volkswirtschaftslehre wie einen Werkzeugkasten vor. Einerseits besteht dieser aus theoretischen, andererseits aus methodischen Elementen.» Qualitative Methoden sucht man im Studium vergebens. Was Wunder, wenn man bei der Untersuchung der Realität mit so wenigen Werkzeugen an Grenzen stösst.

Kritische Wissenschaft

Der mangelhafte Realitätsbezug ist aber nicht der einzige Kritikpunkt. Die Überzeugung, dass die Sozialwissenschaften eine gesellschaftspolitische Verantwortung tragen, durchdringt die Haltung der Pluralen Ökonomik Zürich. Damit teilen sie Grundlegendes mit dem Verein Post-Growth Zürich. ETH-Postdocs haben sich in diesem zusammengetan, um sich für eine Wirtschaft zu engagieren, die nicht mehr auf Wachstum angewiesen ist. «Post-Growth nimmt sich der Aufgabe an, Alternativen zum Wachstumsparadigma zu skizzieren», erzählt Raphael Portmann, Mitglied des Vereins Post-Growth.

Studien belegen nämlich: Das Wachstum des Bruttoinlandprodukts hängt mit der Umweltzerstörung zusammen, eine Entkopplung durch technische Innovation ist nicht in Sicht. Überdies führe mehr materieller Wohlstand nicht immer zu besserer Lebensqualität. «Die grosse Chance sehe ich darin, dass das Wohlbefinden, die Lebenszufriedenheit ab einem bestimmten Einkommensniveau nicht mehr mit dem Einkommen korreliert», so Raphael. Ziel der Bewegung ist es aber nicht, in eine Ökodiktatur zu verfallen. Es solle auf jeden Fall ein demokratischer Prozess sein.

Um eine Plattform für Austausch zu bieten, organisiert Post-Growth Lesezirkel, Vorträge und Buchvorstellungen. Seit dem Herbstsemester 2018 gibt es an der Uni Zürich die Vorlesung «Plurale Ökonomik» dank Bemühungen des gleichnamigen Vereins, dessen Aktivität nicht mehr nur auf Zürich beschränkt ist: «Wir arbeiten in einem schweizweiten Netzwerk zusammen», erzählt Joël. «In den letzten Jahren hatten wir sehr viel Zuwachs an neuen Gruppen.» Vielleicht erleben wir ja in diesem Jahrzehnt einen Paradigmenwechsel. Bis dahin sorgt die Vorlesungsreihe «Plurale Ökonomik» an der Uni Zürich für frischen Wind im Wirtschaftsstudium.

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