Das Ensemble des Stücks «Abgehoben». Foto: zVg

«Was ist eigentlich die Aufgabe der Elite?»

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Das StuThe kritisiert in seinem neuen Theaterstück, wie den Studis beigebracht wird, die Bildungselite zu sein.

Im neuen Stück eures Theaters geht es um ein Projekt «der Universität». Die Uni3000 ist eine Rakete, gebaut von der Elite der Gesellschaft, und soll uns in eine Utopie schiessen. Was für eine Utopie?

StuThe: Im Produktionsprozess fragten wir uns, wie unsere Traum-Uni aussehen würde, was wir uns von der Uni wünschen, was wir ändern würden – und sind auf den Begriff Bildungselite gestossen. Was ist eigentlich der Auftrag dieser Elite? Die Aufklärung definierte die Bildung ursprünglich als etwas, das befähigt und uns zu Verantwortungsträger*innen in der Gesellschaft macht, die diese Verantwortlichkeiten auch übernehmen können, weil uns das Wissen dafür gegeben wurde. Das ist ein Aspekt, der immer mehr verloren geht, im persönlichen wie im strukturellen, durch Studienreformen und den Leistungsgedanken, der an der Uni omnipräsent ist und uns in vieler Hinsicht vermittelt wird.

Wer gehört zur Bildungselite?

Es ist unglaublich schwierig, diesen komplexen Begriff zu definieren. Das ist ein Kernpunkt dieses Stücks. Nicht einmal das Ensemble ist einer Meinung. So beleuchten wir ihn vielfältig.

Als Studierende begreift ihr euch aber als Teil dieser Elite.

Bei der Konzeptplanung haben wir gemerkt, dass wir uns auch an der eigenen Nase nehmen müssen und nicht nur den moralischen Zeigefinger schwingen können. Unser Stück bezieht uns deshalb mit ein. Wir alle, die hier an der Uni, ETH, PH, ZHdK und ZHAW studieren, gehören zur Elite. Wir werden ausgebildet, und in 20, 30 Jahren wird es wahrscheinlich so sein, wie es heute und gestern war, dass fast alle Entscheidungsträger*innen an der Uni waren. Die Kritik richtet sich aber nicht nur an die Studierenden an sich, sondern hinterfragt die Aufgabe der Bildungselite und wie wir erzogen werden, wie uns beigebracht wird, diese Elite, die Entscheidungsträger*innen zu sein. Wie wir uns hier prägen und prägen lassen, wird Konsequenzen haben auf die Gesellschaft, die wir künftigen Generationen hinterlassen. Diese Verantwortung tragen wir gemeinsam.

Wie äussert sich eure Kritik im Theater?

Zu Beginn haben wir sehr gross gedacht. Wir haben uns gefragt, inwiefern Kunst etwas verändern kann. Wir haben mit zivilem Ungehorsam gespielt, haben uns Aktionen überlegt. Und fragten uns dann: Können wir das als Verein tragen? Auf vielen Ebenen hätte Aktivismus eine extreme Vorbereitung gebraucht, organisatorisch und formell. Sonst läuft er ins Leere. Aktivismus kann sehr vom Theater in allen Formen profitieren. Wir zweifelten aber irgendwann daran, dass es die Auswirkungen hat, die wir da fordern.

Was macht ihr stattdessen?

Vom Aktivismus haben wir uns distanziert, dafür bräuchten wir auch als Verein ein neues Selbstverständnis. Mit mittlerweile 50 Mitgliedern, 3 Produktionen, 18 Aufführungen und etwa 2000 Zuschauer*innen über das ganze Jahr sind wir die letzten Jahre stark gewachsen. Damit beginnt es in uns zu gären, wie wir damit umgehen, wie wir mit politischen und kritischen Inhalten umgehen, wie wir die Uni gestalten. Wir waren übrigens auch eine der einzigen Studierenden-Organisationen, die ihr Angebot auch während der Pandemie aufrechterhalten haben (inkl. Aufführungen), das hat für uns viel Aufwand und Zusammenarbeit mit der Uni als Institution bedeutet. Wir fragten uns, was ist möglich? Was können wir machen damit wir aufführen können? So, dass die Aufführungen auch für alle sicher sind? Wie gehen wir vor, wenn unsere Anliegen abgelehnt werden, was können wir tun, um uns durchzusetzen – natürlich prägen solche Erfahrungen die Projekte eines Vereins, hoffentlich auch.

Diesmal also kein aktivistisches Theater, aber dennoch ist es auch kein rein klassisches, oder?

Unsere Produktion spielt mit immersiven Elementen, bei denen die Zuschauer*innen interaktiv teilnehmen. So werden sie stärker eingebunden als bei klassischeren Theatern, bei denen die Zuschauer*innen eher passiv im Publikum sitzen und auf der Bühne gespielt wird.

Hat das StuThe als Studitheater denn auch einen Auftrag, die Uni kritisch zu betrachten?

Die Grundidee für diese Produktion ist aus dieser Auffassung entstanden. Die Uni kann man als Mikrosystem eines politischen Systems begreifen. Das StuThe verkörpert dabei die Kultur, die sich auch hier zunehmend zentriert, so proben etwa immer mehr Unitheatergruppen im selben Saal, weil weniger Räume zur Verfügung gestellt werden. Als Kulturschaffende an der Uni muss man Präsenz in diesem System markieren. Insofern sehen wir die Rolle des StuThe darin, Anstösse zu setzen und eine andere Stimme zu bieten, neben der politischen Stimme, etwa des VSUZH-Rats. Die kulturelle, spielerische Stimme ist eine niedrigschwellige Art, sich mitzuteilen.

Inwiefern?

Es können alle ohne Weiteres mitmachen. Es kostet nichts und bietet Zugang zu einer Plattform für sehr viele, sehr unterschiedliche Menschen. Wir sind sogar barrierefrei, weil wir angefangen haben, nicht mehr nur auf der Bühne zu spielen, sondern den Raum auch anders zu nutzen. Wir bieten einen Ort, an dem Ideen undogmatisch wachsen können, wo man nicht von Anfang an mit gefestigter Meinung hingeht, sondern wo wir uns gemeinsam mit einem Thema auseinandersetzen und sehen, wie sich unterschiedliche Standpunkte bilden. Und diese Auseinandersetzung dann auch mit den Zuschauer*innen zu teilen, ist unheimlich spannend.

Wir lassen die Leute nicht mit einer eindeutigen Message gehen und erhoffen uns, dass im Anschluss an die Aufführung eine Diskussion entsteht, mit den Studis und der Unileitung, die wir auch eingeladen haben.

Und habt ihr eine Antwort auf das Dilemma der Bildungselite gefunden?

Wir lassen die Leute nicht mit einer eindeutigen Message gehen. Man wird sich als Zuschauer*in aber positionieren müssen. Wir erhoffen uns, dass im Anschluss an die Aufführung eine Diskussion entsteht, mit den Studierenden, mit der Unileitung, die wir auch eingeladen haben. Wir sind überzeugt, dass es mehrere Antworten gibt auf das Dilemma, entscheidend auch aus welcher Perspektive und mit welchen Prioritäten man es lösen will. Aber ganz ehrlich, es wäre auch vermessen zu glauben, ein einzelner Theaterabend könne alle Antworten auf diese Fragen beinhalten.

Was nehmt ihr selbst von der Arbeit am Theater mit?

Durch die Diskussionen, die durch das Konzept und das Thema Bildungselite entstehen, ergeben sich stets neue Fragen und so wird sich das Stück auch nach der Premiere vor jeder Aufführung etwas verändern. Es ist unglaublich schön, die Möglichkeit zu haben, bei jeder Aufführung dazuzulernen und wachsen zu können.

 

«Abgehoben» des Studierendentheaters (StuThe) wird sechsmal im Oktober (7.10.-16.10. um 20 Uhr) im Theatersaal Irchel aufgeführt. Tickets gibt es auf der Website des StuThe. Der Eintritt ist frei, mit Kollekte.

 

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