Nicht alle in Russland stehen hinter dem Kurs des Kremls. Bild: wikicommons/mos.ru CC 4.0

Nicht alle in Russland stehen hinter dem Kurs des Kremls. Bild: wikicommons/mos.ru CC 4.0

«Was wir machen sollen? Ich weiss es nicht…»

von

Der russische Gastbruder eines Redaktors berichtet, wie er die Situation aus Moskau sieht.

(boj) Vor fast zehn Jahren war ich für zwei Wochen in Russland im Rahmen eines Kulturaustausches. Gewohnt habe ich bei einer Gastfamilie. Zu meinem russischen Gastbruder hatte ich seit dann kaum mehr Kontakt. Er ist heute Ende zwanzig und arbeitet im Büro eines grossen Konzerns in Moskau. Wir hatten damals kaum über Politik gesprochen, das Thema war ihm unangenehm. Im Rahmen dieser ZS-Ausgabe habe ich ihn gefragt, wie er den Krieg wahrnimmt. Der folgende Text ist seine Sicht auf die Dinge (eingereicht am 26. April 2022):

 

Putins Vorgehen ist unverzeihlich

«Am 24. Februar startete die Russische Föderation eine Militäroperation auf dem Gebiet der Ukraine. Mit anderen Worten: sie haben einfach so einen souveränen Staat angegriffen unter dem Vorwand, Neonazis zu vernichten und die ukrainische Armee zu demilitarisieren. Daran gibt es nichts Gutes, denn friedliche Menschen in der Ukraine leiden und sterben wegen den Handlungen der russischen Führung. Bis zum 25. April sind nach Angaben der UNO bereits 2665 Zivilpersonen ums Leben gekommen. Es ist eine Katastrophe. Es ist absolut unverständlich, wie man im 21. Jahrhundert einfach so Zivilist*innen töten kann!

Als russischer Staatsbürger verurteile ich dies und unterstützte das Vorgehen von Präsident Wladimir Putin gegenüber dem ukrainischen Volk nicht. Alle politischen Meinungsverschiedenheiten müssen durch friedliche Verhandlungen gelöst werden. Wer zu den Waffen greift, überschreitet eine rote Linie, die nicht zu rechtfertigen und unverzeihlich ist!

Die Ereignisse im Donbass waren in den letzten acht Jahren das Hauptthema bei den einfachen Menschen in Russland. Meiner Meinung nach ist das ein internes ukrainisches Problem, das nur von den ukrainischen Behörden und der Bevölkerung des Donbass hätte gelöst werden sollen. Weder jetzt noch im Jahr 2014 hätten der Konflikt durch Waffen gelöst werden sollen.. Aber leider ist es so gekommen, wie es gekommen ist.

Ich will in einem sich entwickelnden Land leben

Was wir jetzt sehen: ausländische Unternehmen verlassen Russland, die Preise für Produkte steigen, und die Wechselkurse von Dollar und Euro sind zwischenzeitlich ebenfalls stark in die Höhe geschnellt. Haben das die einfachen Leute gebraucht? Ich denke nicht. Wir wollen in einem sich entwickelnden Land leben und nicht im Mittelalter, in das uns die EU-Sanktionen allmählich zurückversetzen. Dabei haben die Regierungen Europas keine andere Wahl. Sie wollen mit den NATO-Streitkräften nicht in einen bewaffneten Konflikt eintreten, denn sie sind sich bewusst, dass dies zum Dritten Weltkrieg führen könnte.

Dieses geopolitische Machtspiel hat die gewohnte Lebensweise der Russ*innen und Ukrainer*innen zerstört. Statt enger geschwisterlicher Nationen sind wir zu Fremden geworden. Nun ist es leicht vorstellbar, dass sich der Bruder gegen den Bruder und der Sohn gegen den Vater wendet. In Familien, in denen ein Elternteil russisch und der andere ukrainisch ist, ist dies zur Norm geworden. Was daran gut sein soll? Gar nichts.

Warum kommt es in Russland dennoch nicht zu einem Umsturz, wie in der Ukraine im Jahr 2014? Vielleicht gab es in der Ukraine damals weniger militärische Repression. Oder es gibt hier bei uns einfach  weniger Leute, die ihre Sicherheit oder gar ihr Leben opfern würden, um die derzeitige Regierung gewaltlos zu stürzen. Ob das ein Problem ist? Ja, das ist es. Was wir machen sollen? Ich weiss es nicht…

Ukraine, halte durch!

Um klar zu sein: Ich bin von beiden Seiten kein Fan. Auch die ukrainischen Behörden, die von einem unerfahrenen Präsidenten geführt werden, konnten den Konflikt im Donbass und der Krim nicht lösen und die besetzten Gebiete zurückerobern Doch an den Händen der  russischen Regierung klebt nun das Blut von Unschuldigen. Es tut mir aufrichtig leid, dass Millionen von Menschen auf der Suche nach einem sicheren Ort in Europa jetzt aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Ich wende mich an alle ukrainischen Bürger*innen im Namen eines russischen Staatsbürgers. Ihr sollt wissen, dass es hier viele Menschen gibt, die sich um euch Sorgen machen und euch unterstützen. Dass viele gegen diesen militärischen Unsinn sind. Ich wünsche euch Mut in dieser schwierigen Zeit. Haltet durch, Frieden für euer Land!»

 

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