Fräulein Luise hat den Band-it-Wettbewerb gewonnen. (v.l.n.r. Paul Studer, Olivia Merz, Paula Scharrer, Aliosha Todisco.) Bild: Arne Holicki

Fräulein Luise hat den Band-it-Wettbewerb gewonnen. (v.l.n.r. Paul Studer, Olivia Merz, Paula Scharrer, Aliosha Todisco.) Bild: Arne Holicki

Wie aufstrebende Bands sich in Zürich einen Namen machen können

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Ein Einblick in die junge Musikszene der Stadt.

Wer wollte schon nicht in jungen Jahren sein Leben der Musik widmen? Man musiziert, wo immer man ist, inmitten der Stadt, in einer von Aussencafés belebten Strasse. Vielleicht hält durch Zufall ein vorbeischlendernder Star kurz inne und nimmt einen direkt unter Vertrag? Doch während man verträumt vor sich hin spielt, fällt der Blick auf die Preislisten der Speisetafeln: Lässt sich mit Musik ein Leben in Zürich bezahlen? Das Gitarrenspiel verlangsamt, der Song wird ernster – wo kann ich mich als Anfänger beweisen? Auf Konzerten spielen, ein Album aufnehmen? Plötzlich bleiben zwei Personen stehen. Die Uniformierten verweisen auf die fehlende Genehmigung, die Show ist vorbei.

Zürich: eine Stadt, wo Strassenmusik lizenzpflichtig ist. Gleichzeitig sieht sie sich als kulturelles Zentrum mit der wichtigen öffentlichen Aufgabe der Kulturförderung. Aber wie sieht diese Förderung denn konkret aus? Wie kann man entdeckt werden? Wo und wie fängt man an?

«Komm einfach mal zum Jammen vorbei!», ermuntert Brigitta «Bigi» Grimm. Mit Freunden gründete sie 2018 den «Jam Verein Resonance». Jeden Donnerstag treffen sich seither Musikfans für die Open-Stage-Jamsessions: In lockerer Atmosphäre lauscht man verschiedensten Bands oder versucht sich selbst auf der Bühne: «Unsere Türen stehen allen offen», meint Bigi. Die Publikumsmenge wächst stetig an, Getränkeverkauf und Mitgliederbeiträge ermöglichen es dem Verein zu expandieren. Mittlerweile finden die Events an der Limmat im Planet 5 statt. Bigi studiert Musikwissenschaft im Master an der Uni Zürich und steckt ihre meiste Zeit in das gemeinnützige Projekt. Konzertveranstalterin in Zürich: ein Karriereweg, den sich Bigi gut vorstellen kann. Kürzlich veranstaltete sie auch die frauenfördernde Veranstaltung «Consonance», denn sie findet: «Es braucht mehr Frauen auf der Bühne!» Drei Acts unterschiedlicher Musikrichtungen spielten an einem Abend. Im Vorfeld wurden die Bands in Videointerviews vorgestellt. Da waren zum Beispiel FJÄLLA: Multilingual, in Mäntel und Tennissocken auf der Bühne, haben sie ihren ganz eigenen Stil entwickelt. Man kennt sie schon seit Längerem in Zürich.

Band Fjälla und Brigitta Grimm. V.l.n.r.: Paula, Brigitta, Emilio, Ulla (verdeckt) und (im blauen Mantel) Anouk. Bild: Arne Holicki
Band Fjälla und Brigitta Grimm. V.l.n.r.: Paula, Brigitta, Emilio, Ulla (verdeckt) und (im blauen Mantel) Anouk. Bild: Arne Holicki

Band-it bietet neue Chancen

Gänzlich neu an diesem Abend war die Band Fräulein Luise. Zwei Monate vor dem Consonance gewannen sie beim Band-it, einem jährlichen Nachwuchs-Wettbewerb für junge Bands aller Genres. Gelockt wird mit einem Konzert im Moods für die ersten vier und 3’000 Franken Preisgeld für den ersten Platz. Gerade in der Pandemie bot das Band-it vielen Teilnehmenden eine Möglichkeit, überhaupt live aufzutreten. Weil viele Events abgesagt wurden, hatten neue Bands kaum die Gelegenheit, sich zu präsentieren.

Auch für Fräulein Luise war die Vorrunde ihr erster Auftritt. Im Lockdown gegründet, stand zunächst nur der Name fest und der entfernte Traum, eines Tages in grossen Musikhallen spielen zu können. Der Start war holprig, Liedtexte und Basslines wurden über Sprachnachrichten hin und her geschickt. Ein heruntergekommener Keller ohne Licht diente als erster Proberaum, es fehlte eine Person am Schlagzeug. Und bevor die Gruppe richtig komplett war, kam schon die Nachricht, man habe es ins Finale geschafft. Lebhaft erzählt Aliosha Todisco, wie intensiv er den Final-Auftritt wahrgenommen hat: «Mir ist es kalt den Rücken heruntergelaufen. Meinen Einsatz am Schlagzeug hätte ich fast verpasst!» Das Preisgeld vom Sieg ging einher mit medialer Aufmerksamkeit in Zeitungen und Radio. «Wichtig ist, dass wir jetzt dranbleiben, zeitnah weitere Konzerte spielen, vielleicht ein Album herausbringen» , erklärt Paul Studer, der Bassist, in einem Interview.

«Es ist wirklich toll, wie die Musikförderung
in Zürich organisiert ist.
»

Noémi Büchi, letztjährige Gewinnerin einer «Werkjahr»-Auszeichnung

Dafür braucht es natürlich auch einen richtigen Platz zum Proben. Solche Räume sind in Zürich jedoch begrenzt und teuer. Bei einer Ausschreibung der Stadt für einen Bandroom setzte Fräulein Luise sich gegen Dutzende andere Kandidierende durch. Dieser befindet sich in den Gewölben eines Zivilschutzbunkers. Es geht durch dicke Stahltüren, an Nasszellen vorbei, bis man in einem schmucklosen weissen Raum endet. Hier halten sie sich die meiste Zeit auf, wenn es der Stundenplan ermöglicht. Drei von ihnen sind nämlich noch am Gymnasium. Danach möchten sie etwas «in Richtung Musik studieren». Der Sieg im Finale hat ihnen den Ansporn gegeben, von ihrer Kunst leben zu wollen. Paula Scharrer dazu: «Dieses Gefühl, wenn das Publikum deinen Text, die Gedanken, die dich bewegen, mitsingen, ist einfach unbeschreiblich.» Nach der Welle voller Euphorie, weiteren Live-Auftritten und der Auszahlung der Gage tauchte jedoch die Frage auf, wie sich das Bandleben auf nachhaltige Weise finanzieren lässt. Denn professionelle Studioaufnahmen sind sehr kostspielig, wie Fräulein Luise bei der Aufnahme ihrer ersten zwei Singles feststellen musste. Durch die 2G+-Regel im Dezember fielen Veranstaltungen erneut aus; die Tour von Steiner & Madlaina, bei der sie für einen Auftritt als Vorband gedacht waren, wurde kurzfristig um neun Monate nach hinten verschoben.

Die Frage nach dem Lohn für Musik kennt auch Bigi. Seit Kurzem bezahlt der Jam Verein Resonance deshalb kleine Gagen, wenn Gewinn von der Veranstaltung übrig bleibt. «Noch ist es nicht viel, aber es ist wichtig, den Musikschaffenden eine finanzielle Anerkennung zu geben», sagt sie. Fräulein Luise versucht nun, Geld via Crowdfunding zu erhalten, um schrittweise ihr Album zu finanzieren. Auch wurden Förderanträge für Startkapital bei Stiftungen und der Stadt eingereicht.

Noémi Büchi beim Interview in ihrem Studio. Bild: Arne Holicki
Noémi Büchi beim Interview in ihrem Studio. Bild: Arne Holicki

Einzigartige Förderung in Zürich

Auf ihrer Website listet die Stadt Zürich zahlreiche Arten der Musikförderung auf. Im Bereich Jazz, Rock und Pop liess sie sich diese 2019 rund 2,4 Millionen Franken kosten. Ein grosser Teil davon geht an die Unterstützung des Moods. Eine weitere, die davon profitiert, ist Noémi Büchi. Im vergangenen Jahr erhielt sie die Auszeichnung für ein «Werkjahr», welche mit 48’000 Franken dotiert ist. «Der Anruf kam aus dem Nichts», erzählt sie. Die Förderung ermöglichte es ihr, an ihrem Debütalbum zu arbeiten. «Es ist wirklich toll, wie das in Zürich organisiert ist, das ist nicht überall so. Die Fachkommission ist über alle Musikschaffenden in Zürich gut informiert und trifft ihre Wahl sehr detailliert.» Doch trotz der Unterstützung durch die Stadt ist ihre Welt nicht immer rosig. In ihrem selbst eingerichteten Studio erzählt Noémi von einer Menge benötigter Selbstdisziplin. Sowohl kreativ als auch finanziell sei es am Ende des Tages notwendig, Entscheidungen zu treffen, um Deadlines des Labels einzuhalten oder die nächste Miete für die Wohnung bezahlen zu können. Mit einem kleinen Lächeln um die Mundwinkel bemerkt sie: «Zürich ist schon eine paradoxale Stadt.»

Resonance Jams, jeden Donnerstag im Planet 5
Fräulein Luise: Instagram @fraeuleinluisee
Brigitta Grimm: brigitta.grimm
Noemi Büchi: noemibuchi

 

 

 

 

 

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