Die Zürcher Hochschulen bekennen Farbe im Ukraine-Krieg. Bild: zVg

Die Zürcher Hochschulen bekennen Farbe im Ukraine-Krieg. Bild: zVg

Wie die Hochschulen mit dem Krieg umgehen

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Die Unterstützungsmassnahmen an Uni und ETH im Überblick.

Der Krieg in der Ukraine löst schweizweit grosse Solidarität aus. Neben den von der Politik ergriffenen Sanktionen, wenden sich viele Unternehmen, Organisationen oder Institutionen von Russland ab. So auch der Wissenschaftsbetrieb. Bereits am 26. Februar, zwei Tage nach dem russischen Einmarsch, bekundete das Slavische Seminar der Universität Zürich seine Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung. In einem Statement verurteilte es den «hinterhältigen und durch nichts zu rechtfertigenden Krieg» in der Ukraine. Wenige Tage später stellten sich auch die Universität Zürich und die ETH offiziell hinter die Ukraine. Damit gehen verschiedene Massnahmen einher.

Beide Hochschulen haben Anlaufstellen geschaffen, an die sich alle Betroffenen des Ukraine-Krieges wenden können. Ukrainische Studierende erhalten an beiden Hochschulen finanzielle, organisatorische und psychologische Unterstützung. An der Uni werden geflüchtete Studierende auf allen Stufen als Gaststudierende angenommen, die Studiengebühren werden erlassen. Ausserdem können sie sich für niederschwellige Stipendien bewerben, sofern sie gewisse Kriterien erfüllen. Für neu ankommende Studierende aus der Ukraine organisiert die Uni ein Buddy-Programm und bietet am Slavischen Seminar einen Übersetzungs-Pool an, um Anfragen in Zusammenhang mit dem Krieg zu übersetzen. Freiwillige können sich beim Slavischen Seminar melden. Die ETH hat Soforthilfe-Massnahmen eingeleitet, die es in erster Linie ermöglichen, sich für eine Zulassung an der ETH zu bewerben oder als Hörer*in Lehrveranstaltungen zu besuchen. Prüfungen und der Erwerb von Leistungsnachweisen sind in diesem Rahmen nicht möglich, die Bewerbung zum Studium wird aber erleichtert. Zum Beispiel werden alle Gebühren und Schulgelder erlassen.

Sammelaktionen der Studiverbände

Um Forschende zu unterstützen, arbeiten beide Universitäten mit Swissuniversities, der Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen, sowie dem Schweizerischen Nationalfonds zusammen. Der Nationalfonds stellt eine Million Franken bereit, um mit dem Netzwerk «Scholars at Risk» Forschende aus der Ukraine an Schweizer Hochschulen aufzunehmen. Zudem sollen Förderbeiträge für Forschungsprojekte, die aufgrund des Krieges nicht vorangebracht werden können, verlängert und finanziell unterstützt werden. Noch werden die Angebote spärlich genutzt, wie Rita Ziegler von der Medienstelle der Uni sagt. Es seien bisher 25 Studierende zu einem Gastaufenthalt zugelassen. Während des Aufenthaltes an der Uni bleiben sie aber an ihrer Heimatuni eingeschrieben und können keinen Uni-Abschluss erwerben. Für Forschende wurde in drei Fällen Unterstützung gesprochen. Finanzielle Kredite wurden bisher nur in einem Fall gewährt (Stand 23. März). Die Situation kann sich aber schnell verändern: «Wir gehen davon aus, dass mit der steigenden Zahl von Geflüchteten aus der Ukraine – aber auch aus Russland – vermehrt Unterstützungsanfragen an die Uni Zürich gelangen werden», meint Ziegler. An der ETH sind seit dem 9. März (Stand 21. März) 150 Anfragen bei der Anlaufstelle und 100 Anfragen zur Zulassung zur Studienbewerbung oder zur Einschreibung als Hörer*innen eingetroffen. Bei «Scholars at Risk» seien bisher 40 Anträge eingetroffen, um ukrainische Wissenschaftler*innen in Forschungsgruppen aufzunehmen.

Auch die Studierendenverbände beider Hochschulen engagieren sich und haben mit dem Netzwerk «Friends of Ukraine» der Stiftung «U.S.-Ukraine Foundation» Sammelaktionen lanciert. An verschiedenen Sammelstellen an der ETH und der Uni nehmen sie Hilfsgüter entgegen. «Friends of Ukraine» organisiert den Transport in die Ukraine, wo das Material dem ukrainischen Militär übergeben wird. «Es werden Güter gesammelt, von welchen wir wissen, dass sie gebraucht und verteilt werden können», sagt Pio Steiner vom VSUZH. «Zudem stehen wir im direkten Austausch mit der Uni und besprechen, welche Hilfeleistungen möglich sind und wie diese möglichst einfach allen bedürftigen Personen zugänglich gemacht werden können.» Für Gütertransporte wurden an der ETH zudem während eines Austausches mit dem ETH-Präsidenten und allen Ukrainer*innen der ETH Kontakte vermittelt, um benötigte Kleinwagen zur ukrainischen Grenze zu organisieren.

Perspektiven gegen Ungleichbehandlung

Auch vom Krieg betroffen sind die Ukrainer*innen und Russ*innen die bereits an den beiden Hochschulen studieren und forschen. Gerade am Slavischen Seminar haben viele Studierende einen ukrainischen, russischen oder auch ukrainisch-russischen Hintergrund. «Unser Seminar bietet ihnen Raum für Austausch und Verständigung – wir werden alles tun, um dies weiterhin zu ermöglichen», schreibt das Slavische Seminar. Auch die Medienstelle der ETH betont: «In der jetzigen Situation ist es sehr wichtig, dass weder die russischen noch die ukrainischen ETH-Angehörigen aufgrund ihrer Nationalität in irgendeiner Form stigmatisiert oder diskriminiert werden.» Momentan sei aber eher das Gegenteil der Fall. Viele russische Angehörige würden sich mit Hilfs- und Unterstützungsangeboten für Ukrainer*innen melden.

«Die Solidaritätsbekundungen und Unterstützungsmassnahmen finden auf unterschiedlichen Ebenen statt und sind nach wie vor in vollem Gange. Ihre Wirkung gesamthaft einzuschätzen, ist zum jetzigen Zeitpunkt schwierig», sagt Ziegler von der Uni Zürich. Die ETH erklärt, wieso die Hochschule so schnell auf den Krieg in der Ukraine reagieren konnte. «Viele der Unterstützungsangebote waren bereits in irgendeiner Form vorhanden und konnten in der Vergangenheit auch von Menschen aus anderen Krisenregionen genutzt werden.» Bereits während der Corona-Pandemie seien zum Beispiel spezifische Anlaufstellen zentral gewesen, um die Studierenden zu unterstützen.

Indessen wird von verschiedenen Hilfswerken, wie der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, Ungleichbehandlung zwischen ukrainischen Geflüchteten und anderen Flüchtenden aus Kriegsgebieten kritisiert. In anderen Krisen- und Kriegsgebieten seien die Hochschulen allerdings auch nicht untätig geblieben: «Die Uni hat schon seit des Syrienkonflikts eine Flüchtlingsstelle geschaffen, die sofort passende Unterstützungsmassnahmen bieten konnte», so Ziegler. In den letzten Jahren habe die Uni zudem weitere Strukturen wie durch ihre Mitgliedschaft bei «Scholars at Risk» oder dem Aufbau von «START! Studium», eines zweisemestrigen Integrations-Vorkurses und Bildungsangebots für Geflüchtete mit Potenzial für ein Hochschulstudium, geschaffen.

Auch die ETH bietet seit 2021 Integrations-Vorlehren an, um die Arbeitsintegration zu unterstützen.Die Solidaritätswelle mit der Ukraine ist an den Zürcher Hochschulen gross und mobilisiert sowohl Hochschulleitungen, Mitarbeitende als auch die Studierende. Solidarität und Unterstützung wird es weiterhin brauchen. Während der Bundesrat bis Ende Juni mit bis zu 60’000 Geflüchteten allein aus der Ukraine rechnet, erwarten die Kantone noch höhere Zahlen. Die Solidarität kann aber auch als Chance gesehen werden, um die Politik und die Hochschulen zu sensibilisieren und dazu zu bewegen, Perspektiven für alle zu schaffen, die sich aus Angst um ihr Leben und das Wohlergehen ihrer Liebsten gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen.

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