«Danke für Ihre Rücksichtnahme»: Die Altstadt liegt im Spannungsfeld zwischen Ausgangsviertel und Wohnquartier. (Bild: Stephanie Caminada)

Wie viel Freiraum braucht eine Stadt?

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Die Stadt Zürich steht vor grossen Herausforderungen in ihrer Raumplanung. Die Bevölkerungszahl steigt weiter, die Bedürfnisse werden vielfältiger.

In der Zürcher Innenstadt wird es immer dichter, immer enger. Hier will man arbeiten, hier will man wohnen. Bis 2040 rechnet die Stadt gar mit einem Anstieg der städtischen Wohnbevölkerung um 82’000 Personen auf 516’000 Personen. Mehr Menschen brauchen mehr Platz. Nur gibt es keine terra nullius mehr, die Flächen sind weitgehend mit Wohnhäusern, Geschäften und Bürogebäuden überstellt.

Wo gebaut, oder eben verdichtet wird, schwinden konsequenterweise Parks und Plätze. Grünflächen werden versiegelt. An der Europaallee wurzeln ein paar wenige Bäume im blanken Beton. Dabei sind öffentlich zugängliche und vielfältig nutzbare Freiräume wesentlich für eine hohe städtische Lebensqualität. Sie sind Orte der Begegnung, der Erholung und Freizeitgestaltung und wirken sich zudem positiv aufs Stadtklima aus, verbessern die Luftqualität, vermindern den Lärm und unterstützen die Resilienz der Städte gegenüber den zunehmenden Hitzetagen und Tropennächten, die der Klimawandel bedingt.

Neues Freiraumkonzept für die städtische Raumplanung

Die Freiraumversorgung der Stadt Zürich hat sich zum Ziel gesetzt, der Wohnbevölkerung und den vor Ort Angestellten zur täglichen Erholung im Quartier ein angemessenes und gut zu Fuss erreichbares Freiraumangebot zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören etwa Parks, Plätze, Sport- und Badeanlagen, Terrassen oder Wälder. Pro Einwohner*in sollen 8 Quadratmeter und pro hier beschäftigter Person 5 Quadratmeter öffentlicher, nutzungsoffener Freiraum vorhanden sein.

Auf diesem Freiraumkonzept basiert der neue «kommunale Richtplan Siedlung, Landschaft, öffentliche Bauten und Anlagen», ein Regelwerk, das Zürichs bauliche Entwicklung vor dem Hintergrund des anhaltenden Bevölkerungswachstums für die nächsten Jahrzehnte festlegen soll und vom Parlament am 10. April 2021 gutgeheissen wurde. Darin wird unter anderem festgelegt, wo Baumalleen, Begegnungszonen, Quartierzentren oder Velowege errichtet werden. Kontrovers aufgefasst wurde bisher vor allem die Möglichkeit der Öffnung von privaten Innenhöfen und Dachgärten für die Allgemeinheit.

Anwohner*innen verhindern Freiraumprojekte

Die Stadt habe zu wenig öffentlichen Raum zur Verfügung, sagt hingegen Markus Knauss, Gemeinderat der Grünen. Also müssten Kooperationen mit Privaten angestrebt werden, damit auch private Aussenräume für mehr Personen zugänglich würden. «Das Schreckgespenst der allgemeinen Öffnung von Innenhöfen und Dachgärten, wie sie der Hauseigentümerverband in die Welt gesetzt hat, gibt es im neuen Richtplan aber nicht.» Denn wenn Private das nicht wollen, bleiben die privaten Aussenräume – mit wenigen Ausnahmen – auch privat. Grundsätzlich befremdet Knauss die Diskussion: «Ich wohne seit über 30 Jahren in Blockrandgebieten, wo es beinahe ausschliesslich öffentliche Aussenräume gibt. Und doch sind das aktuell die beliebtesten Wohnquartiere in der Stadt.» In Blockrandgebieten stehen Gebäude geschlossen um eine gemeinsame Freifläche, etwa einen Innenhof. Diejenigen in den Kreisen 4 und 5 weisen derzeit die höchste Bevölkerungsdichte auf.

Trotzdem scheitern Versuche der Stadt, mehr Freiraum zu schaffen, oftmals wegen Einsprachen von Anwohner*innen. Wieso das so ist, zeigt sich anhand der «mediterranen Nächte», deren Realisierung im vergangenen Jahr verhindert wurde. Milder werdende Durchschnittstemperaturen und vermehrt auftretende Wärmeperioden, die dem Klimawandel geschuldet sind, verlängern die Nutzungszeiten von Freiräumen. Die Stadt wollte in den Sommermonaten 2020 den Restaurants und Bars erlauben, ihren Aussenbereich bis zwei Uhr statt nur bis Mitternacht offen zu halten. Die «mediterranen Nächte» wären auf je zwei Wochenenden pro Stadtkreis beschränkt gewesen. Damals hat sich die IG Innenstadt als Wohnquartier vereinigt, um «mit allen Mitteln der zunehmenden Kommerzialisierung, Eventisierung und dem Liberalisierungswahn Einhalt zu gebieten».

IG will ältere Menschen und Familien schützen

Das Projekt hätte nicht zusätzlichen Freiraum geschaffen, sondern diesen den Quartierbewohner*innen weggenommen, erklärt Felix Stocker, Mitglied der IG und Vorstandsmitglied des Quartiervereins Zürich 1. Die Stadt gebe immer mehr öffentlichen Raum für kommerzielle Nutzung frei, etwa für Restaurant- und Barbetriebe. «Doch die Innenstadtquartiere stehen bereits unter massivem Druck. Besonders nachts hat die Belastung durch Immissionen, etwa durch Ausgeh- und Verkehrslärm, massiv zugenommen», so Stocker. Innenstadtbewohner*innen müssten zwar eine höhere Toleranz diesbezüglich haben. Die Belastung dürfe aber nicht so gross sein, dass verletzlichere Gruppen wie ältere Menschen und Familien aus den Quartieren wegzögen.

«Für viele Menschen ist es schon heute nicht mehr möglich, in der Innenstadt zu wohnen», sagt Stocker. Projekte wie die «mediterranen Nächte» würden die Quartiere zusätzlich belasten und die Entwicklung verschärfen. Die IG setze sich dafür ein, dass auch die Innenstadt ein Wohnquartier für alle Menschen bleibt. Das heisse nicht, dass sie Freiraumprojekte grundsätzlich ablehne. Aber die Stadt müsse die Quartiere schützen und auf die Bedürfnisse der Anwohner*innen eingehen. Dies sei ihr bisher nicht gelungen. So muss die Stadt verschiedenen Anspruchsgruppen gerecht werden. Auch Markus Knauss spricht deshalb von einer Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme, die es deshalb zu entwickeln gilt. Gerade bei den Hotspots des Nachtlebens. «Denn auch die Langstrasse ist in den Seitenstrassen schliesslich immer noch Wohnquartier.»

Kompromisse sind unumgänglich

Die Stadt Zürich ist bemüht, den Anspruch an eine hohe Lebensqualität zu erfüllen. Doch steht sie vor diversen Herausforderungen, vor Forderungen, die sich teilweise auch widersprechen. Durch die steigenden Einwohnerzahlen, die veränderten Mobilitätsbedürfnisse, neue Arbeitszeitmodelle und die Folgen des Klimawandels entsteht ein starker und zunehmender Nutzungsdruck auf die verbleibenden Freiräume in den boomenden Städten. Und gerade auch in der Pandemie zieht es mehr Leute nach draussen. Es wird mehr gemeinschaftlicher Raum verlangt. Aber Privatsphäre, Ruhe und Ordnung sowie anfallende Kosten sind auch häufig Argumente dagegen. Zudem: Mehr Grünflächen gelten immer auch als Aufwertung. Das bedeutet oft steigende Bodenpreise, höhere Mieten und folglich das Verdrängen von ärmeren Bevölkerungsschichten.

Vielfältig wie die Bedürfnisse sind, ist es entsprechend schwierig, die Forderung einer qualitätsvollen räumlichen Entwicklung, wie sie der Richtplan vorsieht, die alle Bevölkerungsteile einbezieht, zu erfüllen. Eine Öffnung von privaten Räumen würde zwar etwas Spielraum geben. Mit steigender Bevölkerungszahl sind aber auch diese Kapazitäten letztlich erschöpft. Für dieses Dilemma hat die Stadt noch nicht wirklich eine passable Lösung gefunden.

 

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