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    Illustrationen: Sumanie Gächter

Wofür all die Noten?

von

Prüfungen und Noten prägen seit Jahrhunderten den Alltag von Schule und Universität. Dabei sind die Systeme weit weniger konstant, als man annehmen würde.

In diesem Jahr wurde in Preussen das Abitur eingeführt, um die Flut an Studierenden an den Universitäten zu begrenzen. Jedoch lassen zahlreiche Universitäten auch Studierende zu, die ein «Ungenügend» im Abiturzeugnis vorzuweisen haben. Nach humanistischen Bildungsidealen wird nicht wie heute «gesiebt», wer den Zugang zu dem raren Gut Bildung bekommt. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts setzt sich die bestandene Abiturprüfung als notwendige Voraussetzung für das Studium durch.

Die erste schulische oder akademische Prüfung lässt sich kaum datieren. Auch Noten gibt es schon seit eh und je. Doch dienten sie früheren Jahrhunderten zur ganzheitlichen Charakterbewertung, nicht zur Leistungsbeurteilung. In diesem Kontext wurden schlechte Noten eher als Versagen der Lehrperson, nicht der Schüler*innen betrachtet. Die erste Entwicklung eines standardisierten Notensystems wird oftmals William Farish zugeschrieben und auf das Jahr 1792 datiert. Der Tutor in Cambridge entlehnt die Bewertungsskala aus den damaligen Schuhfabriken und verfolgt damit lediglich das Ziel, weniger Zeit und Energie für seine Schüler*innen aufwenden zu müssen. Ein Wunsch, der wohl auch heute noch im Vordergrund steht, wenn es um die Notenverteilung geht, ebenso wie das Potential, mehr und mehr Studierende in die Kurse zu lassen.   

Das Preussische Kultusministerium mahnt 1837 die Lehrer*innen, «die einzelnen Anforderungen an die Abiturienten so zu ermässigen, dass jede*r Schüler*in von hinreichenden Anlagen und von gehörigem Fleisse der letzten Prüfung mit Ruhe und ohne ängstliche Vorbereitungsarbeit entgegensehen könnte».Multiple-Choice wird erfunden und für Eignungstests mit Soldaten im ersten Weltkrieg eingesetzt. Ab den 1920ern setzt sich der Test in Schulen und der Akademie durch. 1982 entsteht der erste Multiple-Choice-Test am Computer. Sein Vorteil ist die hohe Objektivität der Ergebnisse und die Effizienz in der Durchführung und Bewertung der Prüfungen. Jedoch erreichen die MC-Prüfungen eine tiefe Validität, also: Eignen sich die Tests überhaupt wirklich zur Leistungsüberprüfung? Die Hochschuldidaktik der UZH formuliert: «Das grundsätzliche Problem besteht in der Diskrepanz, die zwischen den komplexen kognitiven Prozessen und der simplen äusseren Handlung des Ankreuzens einer Wahlantwort besteht.»

Michel Foucault unterscheidet die Probe (épreuve) und die Untersuchung (ênquete) von der Prüfung (examen), welche ein «System der permanenten Kontrolle der Individuen» darstellt. In «Überwachen und Strafen» definiert er sie als «ein normierender Blick, eine qualifizierende, klassifizierende und bestrafende Überwachung» und weist auf deren starke Ritualisierung hin: «In ihr verknüpfen sich das Zeremoniell der Macht und die Formalität des Experiments.» Die Prüfung ist dabei ursprünglich ein Instrument der Psychiatrie, das auf Normalität oder Wahnsinn testet.

Der Bologna-Prozess bewirkt die Einführung des zweistufigen Systems mit Bachelor und Master und des Leistungspunktesystems sowie die Modularisierung der Studieninhalte. Eine Studie aus dem Jahr 2013 zum Rechtswissenschaftlichen Institut zeigt: Während zum erfolgreichen Abschluss des Lizenziats 15 Prüfungen notwendig waren, sind es im Bachelor-Master-System 40 Prüfungen. Bologna sollte standardisieren und objektivieren, doch am RWI trat laut Bericht der gegenteilige Effekt ein: Grosskanzleien beklagen sich darüber, dass sich schwer ermitteln lässt, wer von den Bewerber*innen wirklich herausragt. Denn es gibt immer mehr Noten und diese werden so zerstückelt, dass Studierende unbeliebte Fächer und Professor*innen meiden können, um bessere Noten zu erlangen. Vom Lizenziat zum Master hat sich die Anzahl der Abschlüsse mit «summa cum laude» verzehnfacht, die Durchschnittsnote liegt eine ganze Notenstufe höher. Die Aussagekraft der Noten nimmt ab, je mehr Noten es gibt. So werden in den Einstellungsgesprächen wiederum andere Faktoren wichtiger. Das führt dazu, dass sich Studierende schon während des Studiums durch extra-universitäre Qualifikationen auszeichnen müssen. Das Gegenteil dessen, was man mit Bologna erreichen wollte.

Historisch betrachtet hatte die objektive Notenvergabe auch den Effekt, dass mehr Frauen und Personen aus ärmeren Bevölkerungsschichten akademischen Erfolg haben konnten. Dennoch konstatiert der Schweizer Wissenschaftsrat: «In der Schweiz lassen sich die Bildungswege und der Erwerb von Abschlüssen mit hoher Wahrscheinlichkeit anhand weniger Informationen über sozioökonomische Ressourcen und das Bildungsniveau des Elternhauses vorhersagen.» Soziale Ungleichheiten würden «durch das Bildungssystem nicht vermindert, sondern vielmehr reproduziert».

 

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